Leseprobe: Die Rückkehr der Magie

Nachfolgend eine Leseprobe aus der ersten Fassung meines derzeitigen Manuskripts „Die Rückkehr der Magie“:

Die Rückkehr der Magie

von John Midnight

Was wäre, wenn…

Wie oft habe ich mir schon gewünscht, ich wäre normal. Oft stellte ich mir vor, ich hätte ganz und gar durchschnittliche Eltern, Freunde – oder überhaupt Verwandte. Oder ich wäre nicht zu einer der letzten Magierinnen der Moderne erzogen und damit zu einem Leben im Untergrund genötigt worden. Es ist nicht, dass ich todunglücklich darüber wäre, eine Magierin zu sein – genau genommen kenne ich überhaupt kein anderes Leben – aber dennoch… Ich bin eine Tagträumerin, die sich wahrscheinlich so oft wie keine Zweite ständig die Frage stellt: ‘Was wäre, wenn…’. Was wäre, wenn die Amerikaner den dritten Weltkrieg bereits für sich entschieden hätten oder es noch mehr magisch Begabte wie mich gäbe. Wenn ich einige Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte früher und nicht im Jahre 2012 geboren worden wäre. Oder noch viel besser: Wenn endlich jemand dem Großsowjetischen Reich wochenlang den Strom abschalten würde, wie sie vor knapp fünf Jahren Europa und Asien.

Der Stock meines Meisters traf mich am Kopf und riss mich aus meinen Gedanken. “Konzentration! Wäre das hier eine Klinge gewesen, wärst du jetzt tot!”, meckerte Arthur und hieb mit seinem Stab auf mich ein. Ich parierte den Schlag, indem ich in letzter Sekunde einen einfachen Schild auf mich wirkte. Feixend blickte ich meinen Ausbilder durch die gelb schimmernde, durchsichtige Sphäre an. Zumindest so lange, bis dieser nach mehreren schweren Hieben zerbarst. Hektisch wich ich dem Prügel aus, der im Sekundentakt auf mich einzuhämmern versuchte. “Na los! Lass dir etwas einfallen und zwar schnell! Weniger denken, mehr zaubern!”, drängte er mich, während ich meine volle Konzentration auf das Ausweichen richtete. Gerade als ich einen Feuerball entfesseln wollte, traf mich ein unvermittelter Stoß des Stocks gegen die Brust und stieß mich zu Boden.

Auf dem Rücken liegend, keuchte ich: “Gnade!”. Verärgert brüllte Arthur, holte mit dem Stock wie mit einer Keule aus und ließ ihn auf meinen Kopf herunterkrachen. Instinktiv schloss die Augen und hob die Hände zum Schutz vor mein Gesicht. Ein Geräusch von splitterndem Holz ganz nahe an meinem Kopf ließ mich die Augen aufreißen. Der Stock war nur wenige Millimeter neben meinem linken Ohr auf dem Boden eingeschlagen und geborsten. “Erbärmlich!”, brüllte er mich an. So wütend hatte ich ihn noch nie erlebt. “Jamie, in wenigen Stunden wirst du volljährig und kannst dich trotz deiner magischen Begabung nicht mal gegen einen einzelnen Mann mit einem Stock wehren!”, warf er mir vor. Tränen traten mir in die Augen, als ich mir das schmerzende Brustbein rieb und mich aufrichtete. Es war weder der Umstand, dass er damit Recht hatte, noch dass ich einen der Hiebe abbekommen hatte. Beides war ich gewohnt. Nein, es waren seine Worte und seine sichtbare Enttäuschung, die mich tief verletzten. Ich unterdrückte ein Schluchzen, senkte den Blick und stammelte: “Es… Es t-tut mir leid, Meister!”.

Energisch trat er an mich heran und hob seine Hand. Ich schloss die Augen erneut – diesmal in der Erwartung, eine schallende Ohrfeige für mein Versagen zu erhalten. Umso überraschter war ich, als seine raue Hand zärtlich eine einzelne, verirrte Träne von meiner Wange wischte und mein Kinn sanft nach oben drückte. Durch einen Schleier blickte ich meinen Ausbilder an. Ein seltsamer Glanz lag in seinen Augen. ‘Hat er etwa Tränen in den…’, dachte ich gerade, als er mich wortlos in eine Umarmung zog. Nun gab es kein Halten mehr für mich. Mit tiefen Schluchzern begann ich an seiner Schulter zu weinen. “Es tut mir leid, mein Kind! Du weißt doch, dass ich dich liebhabe und dass das harte Training nur deinem Besten dient”, erklärte er mit Entschlossenheit, aber auch hörbarer Reue in der Stimme. Als ich nicht sofort antwortete, hielt er mich auf Armeslänge vor sich und fragte: “Du weißt doch, dass ich dich liebhabe, oder?”. In seinem Blick war noch immer die Entschlossenheit von vorhin. Mit verheulten Augen blickte ich ihn an und nickte zaghaft. Ernst und doch sanft schaute er mir in die Augen, als er mir mit zitternder Stimme versicherte: “Jamie, du bist wie eine Tochter für mich! Es tut mir leid, dass ich zu weit gegangen bin! Ich hätte nicht so die Beherrschung verlieren dürfen…”.

Ein Schatten huschte über seine Mimik, bevor er sich von mir abwandte und den Raum verließ. Er blieb in der Tür stehen und drehte sich zu mir um: “Ruhe dich ein wenig aus. Du hast den Rest des Abends frei! Morgen trainieren wir dann weiter”. Ich wischte mir die restlichen Tränen aus dem Gesicht und nickte. Noch immer war ich verletzt von der Enttäuschung, mit der er mich vorhin angesehen hatte. So viele Jahre, wie er in meine Ausbildung investiert hatte, war ich es ihm schuldig, mein Bestes zu geben. ‘Natürlich macht er sich Sorgen!’, dachte ich. In dieser gefährlichen Welt – dem Großsowjetischen Reich, welches gegen den Rest der Welt kämpfte – im Jahre 2030 konnte einer jungen Frau wie mir viel geschehen. Noch dazu einer magisch Begabten. Wann immer er konnte, verfolgte Arthur die Nachrichten. Und in letzter Zeit deutete alles darauf hin, dass eine neue Inquisition – also eine Hexenjagd – ausstand. In den letzten fünf Jahren waren es die Hacker, die nicht im Dienste des Regimes standen, die öffentlich hingerichtet wurden. Auf dem Scheiterhaufen starben außerdem sämtliche potentielle und angebliche Feinde der Regierung. Selbst die amerikanischen Diplomaten wie Botschafter waren Ziel der Hinrichtungen. Und nun, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis jemand uns magisch Begabten entdeckte und der langen Liste der Staatsfeinde hinzufügte.

Seufzend hob ich meine Sachen von der Sitzbank in dem dunkel holzvertäfelten Trainingsraum auf und wandte mich zum Gehen. Als ich die Tür erreicht hatte, hob ich die Hand und schloss sie zur Faust. Die flackernden Stabkerzen auf den zahlreichen silbernen Kerzenständern erloschen mit einem Mal und mein Lieblingsduft erreichte meine Nase: Der Rauch erlöschender Kerzen – und Feierabend. Unter knarzenden Holzdielen ging ich die Kellertreppe hinauf und zog mich in mein kleines Zimmer zurück. Ich besaß nicht viel, doch Arthur legte großen Wert darauf, dass ich mein eigenes Badezimmer besaß. Ich sah mich in meinem eigenen kleinen Reich um: Die antiken, auch hier holzvertäfelten Wände, mein Bett, der Kleiderschrank, der Schreibtisch und die Meditationsnische. Als Magierin musste ich darauf achten, jederzeit auf eine hohe Konzentration zurückgreifen zu können, da sie so etwas wie meine magische Energiequelle war. Zu große Erschöpfung konnte selbst den begabtesten Magier seiner Fähigkeit zu Zaubern berauben. Müde ging ich durch die Tür links von mir in mein persönliches Lieblingszimmer im Haus: Mein Badezimmer. Trotz der endlosen Müdigkeit hatte ich noch genug Kraft, um die gusseiserne Badewanne mittels Magie mit Wasser zu füllen und mit einer simplen Handgeste die Holzkohlen in der großen Kohleschale darunter sowie die Kerzen im Raum zu entzünden. Violett gekachelte Wände mit verschnörkelten Motiven aus dem Viktorianischen Zeitalter umrahmten das bequeme kleine Bad. Unter Schmerzen und Muskelkater zog ich langsam meine Kleidung aus.

Darauf wartend, dass das Badewasser warm genug wurde, betrachtete ich mich im Spiegel über dem weißen Waschbecken zu meiner Linken. Dunkelblaue Augen mit gewitterblitzartigem Muster blickten mir entgegen. Ich sah so müde aus, wie ich mich fühlte. Dunkle Ringe lagen unter meinen Augen und verstärkten das Bild meiner blassen Haut. Meine langen blonden Haare waren noch immer zu einem Zopf geflochten, den ich mühsam öffnete. Wellig fielen mir die Haare über meine Brüste, die ich persönlich zu klein fand. Ich war schlank und durch das ständige Training auch einigermaßen athletisch. Mein Blick wanderte wieder zu meinem Gesicht – oder besser gesagt zu dem Teil an mir, den ich neben meinen Augen am meisten mochte: Meinen geschwungenen, vollen, roten Lippen. Instinktiv berührte ich sie mit den Fingerkuppen und fragte mich, wie es wohl wäre, von einem Jungen geküsst zu werden. Ich schloss die Augen und stellte es mir vor. Eine ungekannte wallende Hitze kam in mir auf, als mich ein blubberndes Geräusch ins Hier und Jetzt zurückholte. Hinter mir begann das Badewasser unter den fast schon zur Weißglut befeuerten Kohlen zu kochen. ‘Gott sei Dank, hat das hier keiner mitbekommen’, dachte ich kopfschüttelnd und spürte, wie ich rot im Gesicht wurde. Ich entfernte mittels Magie etwa ein Drittel des Badewassers, um es mit kaltem aufzufüllen und ließ die Kohlen erlöschen.

Vorsichtig hob ich mein Bein und prüfte mit dem Fuß, ob das Wasser die richtige Temperatur hatte. Eine wohlige Wärme umgab mich wenige Sekunden später, als ich in der gemütlichen Badewanne lag. Das Flackern des Kerzenlichts verführte mich, die Augen zu schließen und das heiße Bad zu genießen. Ich spürte, wie meine Muskeln sich endlich entspannten und ließ den Tag Revue passieren. Seit dem Frühstück um sechs Uhr schien eine ganze Ewigkeit vergangen zu sein. Es fühlte sich nicht so an, als hätte ich es am selben Tag eingenommen, wie den, den ich gerade beendete. Danach kamen der theoretische und praktische Zauberunterricht, die Meditation, das Mittagessen – ich hatte für uns “gekocht”, falls man das Beschwören von fertigem Essen so nennen durfte – und anschließend das Kampftraining, welches bis gerade eben ging. Nun war es bereits rund elf Uhr und ich ließ den Tag im lang ersehnten Bad ausklingen. Ich blieb gewohntermaßen so lange liegen, bis mir das Wasser zu kalt wurde – ja, sogar trotz der Möglichkeit, es jederzeit erneut zu erwärmen – und stieg aus der Badewanne. Nachdem ich mich abgetrocknet und bettfertig gemacht hatte, legte ich mich erschöpft auf die bequeme Matratze und schlief fast schon ein, bevor mein Kopf auch nur das Kopfkissen erreicht hatte.


Ich hoffe, es hat Dir gefallen, einen Blick in die erste Fassung zu werfen. Falls Du Lust auf mehr haben solltest, nimm einfach Kontakt unter John-Midnight.com auf und werde Teil einer exklusiven Testleserschaft, welche in den Danksagungen des fertigen Werkes aufgenommen werden.

Liebe Grüße

John Midnight